Bulgarien: Zeitreise auf Schienen

Wer in Bulgarien in die Vergangenheit reisen möchte, braucht keinen Flux-Kompensator und kein Schwarzes Loch. Ein Zugticket reicht völlig aus.

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Sogar der Lada wirkt neu. Es ist wie im falschen Film. Foto: Imanuel Marcus

Der Hauptbahnhof von Sofia wurde vor einiger Zeit renoviert und wirkt inzwischen deutlich eleganter als die Züge, die der bulgarische Betreiber BDZ (БДЖ) durch das kleine Land im Südosten Europas schickt. Wer hier ein Ticket kaufen oder den richtigen Anschlusszug finden will, sollte kyrillische Schrift lesen können – mit Englisch kommt man kaum weiter.

Von Sofia geht es nach Burgas am Schwarzen Meer. Foto: Imanuel Marcus

380 Kilometer in sechs Stunden

Die Züge selbst sind meist mindestens fünfzig Jahre alt. Dies gilt sowohl die wuchtigen Lokomotiven als auch die verschmutzten Waggons. Wer in Sofia in den Zug nach Burgas am Schwarzen Meer steigt, wird um Jahrzehnte zurückversetzt – in eine Zeit, in der Züge noch echte Züge waren und Reisen noch richtiges Reisen bedeutete.

Diese sowjetische Lokomotive ist zwar lahm, aber zuverlässig. Foto: Imanuel Marcus

Nur 380 Kilometer sind es bis ans Meer, doch die Fahrt dauert sechs Stunden. Auf vielen Streckenabschnitten kriecht der Zug im Schritttempo dahin, weil die alten Gleise aus kommunistischer Zeit nichts anderes zulassen. Auf moderneren Abschnitten versucht der Lokführer, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

Eine Raumpflegerin und eine Schaffnerin schmeißen den Bahnhof von Tazha. Foto: Imanuel Marcus

Eine Reise mit Aussicht

Der Zug ist das Verkehrsmittel, mit dem man das wahre Bulgarien zu sehen bekommt. Kleine Dörfer ziehen am Fenster vorbei, viele davon verlassen. Die zahlreichen Roma-Siedlungen wirken dagegen regelrecht überfüllt. Und die bulgarische Landschaft liefert immer wieder grandiose Fotomotive.

Aus dem Fenster zu gucken ist besser als Kino. Foto: Imanuel Marcus

Wegen andauernder Bauarbeiten nehmen die Züge zwischen Sofia und Burgas derzeit Umwege in Kauf, teilweise über eingleisige Strecken. Eine Route führt über Plowdiw und Stara Sagora ans Schwarze Meer. Die andere, die durch Bulgariens Rosental und entlang des Balkangebirges verläuft, ist noch reizvoller.

Roma-Slums sind auf dem Weg zu sehen. Foto: Imanuel Marcus

Ein UFO in der Ferne

Aufmerksame Reisende können von Weitem Buzludscha erspähen, ein ikonisches Bauwerk der Kommunisten auf einem Berggipfel, das aussieht wie ein UFO vom Cover eines Science-Fiction-Romans aus den 1960er-Jahren. Wer im Frühling unterwegs ist, sieht zudem Millionen Blüten auf den Feldern.

In Shivachevo ist das Passagieraufkommen überschaubar. Foto: Imanuel Marcus

Man sollte über die Zustände in den Abteilen hinwegsehen – selbst in dem, was BDZ als “Erste Klasse” bezeichnet, ist es ziemlich schmutzig. Die Toiletten sind katastrophal, die Sitze nicht besser, manche Türen schließen gar nicht richtig. Doch die Schönheit der Landschaft draußen lässt einen all das schnell vergessen.

Dies läuft in Bulgarien als 1. Klasse. Foto: Imanuel Marcus

Gefährlicher Tunnel

Irgendwann muss der Zug Hügel erklimmen. Die russische Lokomotive ist zwar nicht die schnellste der Welt, schafft es aber trotzdem. Dann taucht plötzlich ein enger Tunnel auf, der die Welt für einen Moment in völlige Dunkelheit hüllt. Offensichtlich wurde er für Güterzüge gebaut. Reisende, die dabei den Kopf aus dem Fenster strecken, würden ihn dort verlieren, denn die Tunnelwand ist nur wenige Zentimeter entfernt.

Karlovo ist größer als die anderen Stopps. Dennoch steigt kaum jemand ein oder aus. Foto: Imanuel Marcus

In kleinen Orten wie Schiwaschewo wirken die Bahnhöfe geradezu niedlich – als hätte sich hier seit 120 Jahren nichts verändert. Zeitreise vom Feinsten, ganz ohne DeLorean oder Flux-Kompensator.

Bahnreisen in Bulgarien sind günstig – zum einen wegen des schlechten Zustands der Züge, vor allem aber, weil im ärmsten EU-Land jene, die überhaupt mit dem Zug fahren, im besten Fall umgerechnet rund 300 Dollar im Monat verdienen. Ein einfaches Ticket von Sofia nach Burgas in der “Ersten Klasse” kostet 28 Lewa, umgerechnet etwa 14 Euro. Keine Zeitreise ist günstiger zu haben. Und kaum eine ist so schön.

Hinweis: Dieser Beitrag wurde erstmals auf The Berlin Spectator veröffentlicht. Im Zuge der Einrichtung dieses Blogs wurde er mithilfe von KI ins Deutsche übertragen. Neue Beiträge schreiben wir aber selbst.

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