Die Richtige Haltung im falschen Frankfurt

Ich war in Frankfurt. Was mich dort erwartete, hätte mich eigentlich nicht überraschen sollen, ebenso wenig wie die Situation am “Polenmarkt” im benachbarten Słubice.

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Foto: Imanuel Marcus

Wenn man in Frankfurt ist, muss man das Bankenviertel schon eine ganze Weile lang suchen, denn es existiert nicht. Wer versucht, eine Mahlzeit mit grüner Soße zu bestellen, wird von Kellnerinnen und ihren Kollegen ausgelacht. Sie haben nicht die leiseste Ahnung, wovon Du sprichst. Wo zum Teufel ist der Main? Und was ist mit dem Kaiserdom St. Bartholomäus und der Alten Oper passiert? Wo ist der verdammte Flughafen? Wer sich diese Fragen stellen muss, befindet sich im falschen Frankfurt.

Auf der Stadtbrücke ist tagsüber immer viel los. Foto: Imanuel Marcus

Frankfurt oder Frankfurt?

Die Entfernung zwischen den beiden Frankfurts beträgt genau 613 Kilometer. Wer voll auf das richtige Pedal latscht, schafft es in sechseinhalb Stunden über Potsdam, Leipzig, Jena und Erfurt, oder auch umgekehrt. Dies hängt davon ab, ob man sich in Frankfurt oder Frankfurt befindet. Wer gefragt wird, welches Frankfurt ihm oder ihr besser gefällt, sollte einfach “Frankfurt” sagen.

Also, wo liegt der Unterschied? Überall. Frankfurt hat 750.000 Einwohner, und Frankfurt 57.000, weniger als ein Zehntel. An der Oder sind die Rechtsextremisten stark, am Main nicht. Frankfurt ist das genaue Gegenteil von Frankfurt. Es ist als wollte man Nutellabrote mit Haien oder Waschmaschinen mit dem Mond vergleichen.

Frankfurt macht auch von der anderen Seite eine gute Figur. Foto: Imanuel Marcus

Grau und verfallen?

Wer in Frankfurt (Oder) ist, sollte die richtige Haltung haben. Dies ist wenig ruhmreich, aber ehrlich gesagt erwartete ich Verfall bis zum Abwinken, wie ich ihn dort drei Jahrzehnte zuvor gesehen hatte. Ich dachte der Himmel über diesem Frankfurt wäre stets grau und rechnete damit, dass mich der Gestank von Braunkohle einhüllen würde. Diese arrogante Herangehensweise im Wessi-Stil war verwerflich. Ich gebe es ja zu. Was mich wirklich erwartete, war eine recht grüne Stadt mit schönen Gebäuden unter einem sonnigen Himmel.

Die Oder ist nicht nur die Stadtgrenze, oder? Sie markiert auch die Grenze der Bundesrepublik Deutschland. Bevor Nazi-Deutschland 1945 endlich von den Alliierten besiegt wurde, hatte Frankfurt einen Stadtteil auf der östlichen Seite des Flusses, nämlich die Dammvorstadt. Dieser ist heute das polnische Städtchen Słubice mit 17.000 Einwohnern. Mit Frankfurt ist es durch die Frankfurter Stadtbrücke verbunden, die ihren Namen bekam, als sie die erwähnten Teile der Stadt verband.

Frankfurt bietet Schönheit. Foto: Imanuel Marcus

An der Tankstelle

Ziemlich viel Verkehr schleppt sich tagsüber zwischen Słubice und Frankfurt hin und her. Alle 15 Minuten erscheint der deutsche Zoll. Vier bis sechs Beamte parken ihre Fahrzeuge auf der Wiese neben der Brücke und beobachten die Fahrzeuge, die hier unterwegs sind mitsamt ihren Nummernschildern. Wer verdächtig aussieht, wird angehalten. Die Frequenz der Kontrollen überrascht, denn es handelt sich bei Polen und Deutschland immerhin um benachbarte Schengen-Staaten.

Das “Futter” auf dem “Polenmarkt” war eher durchschnittlich. Foto: Imanuel Marcus

Eines ist sicher: Die Frankfurter kaufen mehr in Słubice ein als Słubicer in Frankfurt einkaufen. Auf der polnischen Seite sind die Tankstellen aus offensichtlichen Gründen immer rammelvoll. An einem Wochenende im Frühling 2022 kostete ein Liter Diesel in Słubice 1,36 Euro und in Frankfurt weit über 1,90 Euro. Selbst Berliner reißen die 100 Kilometer nach Słubice ab, um ihre Tanks aufzufüllen.

Auf dem “Polenmarkt” gibt es alles – toter Vogel inklusive. Foto: Imanuel Marcus

Haarschnitte und Zigaretten

Während sie dort sind, können sie sich auch gleich einen ansehnlichen Haarschnitt für die Hälfte verpassen lassen und den “Polenmarkt” auf der Landstraße 29 bevölkern. Hier gibt es billige Zigaretten und Klamotten oder eine allerdings eher mittelmäßige Mahlzeit für 9 Euro. Es wäre schön, wenn der Mann am Grill das Werkzeug benutzen würde anstatt das Fleisch mit seinen Grabbelfingern anzufassen. Außerdem sah das Kartoffelpüree das ich bestellt hatte eher wie Pommes Frites aus. Eine Frau aus Słubice teilte mir mit, die Preise auf dem “Polenmarkt” seien höher als in der Stadt. Dies erklärt auch, warum keine polnischen Kunden auf dem “Polenmarkt” waren.

Polnische Tankstellen sind gut im Geschäft. Foto: Imanuel Marcus

Also war es höchste Zeit, die Oder wieder zu überqueren, um nach Frankfurt zu gelangen. Am eher niedlichen Hauptbahnhof der Stadt waren dutzende Beamte der Bundespolizei damit beschäftigt, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in ständig einfahren Zügen zu kontrollieren. Kaum jemand stieg jedoch in Frankfurt aus, weshalb nur drei freiwillige Helfer vor Ort waren.

Polnische Kunden gehen nicht auf den “Polenmarkt”. Foto: Imanuel Marcus

Interessanter Kontrast

Der interessanteste Teil des Ausflugs war ein Spaziergang durch das Frankfurter Stadtzentrum. Die Friedensglocke an der Stadtbrücke ist ein Symbol der deutsch-polnisdchen Freundschaft. Sie wurde dort 1952 installiert, nur dreizehn Jahre nach dem Angriff Nazi-Deutschlands auf Polen. Ein paar Schritte weiter ist die attraktive, nach Carl Philipp Emanuel Bach benannte Konzerthalle zu finden, die einst eine Kirche war. Sie passt zusammen mit der Friedenskirche auf ein einziges Foto.

Eine ziemlich grüne Stadt fand ich vor. Foto: Imanuel Marcus

Ein interessant anmutender Aspekt ist die Tatsache, dass die DDR ihre typischen Apartmenthäuser genau neben Kirchen und andere historische Gebäude setzte. Dies war zwar ein Fehler, der jedoch zu interessanten Kontrasten führte. In Potsdam und andernorts ist dies auch zu sehen.

Der Oderturm lässt die Stadt größer erscheinen. Foto: Imanuel Marcus

Handelsposten und Wolkenkratzer

Den Oderturm ließ die DDR 1976 errichten. Er ist wohl der Stolz der Stadt, auch da er sie wichtiger und größer erscheinen lässt, als sie ist. Das Lenné-Einkaufszentrum auf der anderen Seite der Karl-Marx-Straße ist potthässlich, nicht aber der Lenné-Park dahinter oder die anderen grünen Gegenden in Frankfurt. Der Anger und die Allee daneben sind ebenfalls schöne Flecken.

Die Konzerthalle und die Friedenskirche sind Nachbarinnen. Foto: Imanuel Marcus

Um das Jahr 1200 herum entstand hier an der Oder ein Handelsplatz. Ein Viertel Jahrhundert später erhielt dieser die Marktrechte. Am 12. Juli 1253 wurde an der selben Stelle eine Stadt gegründet. Eine Zeile später, im Jahr 1811, verlor Frankfurt seine Universität, da sie verlegt wurde. Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung, 1991, wurde die Europäische Universität Viadrina gegründet. In der Reichspogromnacht zerstörten die Nazis das Innere der Synagoge. Im Jahr 1989 demonstrierten viele Frankfurter gegen das kommunistische Regime in Ost-Berlin.

Was ich während meines Besuches gelernt habe? Das “falsche Frankfurt” ist tatsächlich das richtige Frankfurt, genau wie das andere Frankfurt. Sie sind beide “richtig”, wenn auch verschieden.

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