Japaner wissen genau, was sie zu erwarten haben, wenn ein Restaurant-Imbiss “Tori-Katsu” heißt, nämlich eine Abwandlung von “Ton-Katsu”, was Schweinekotelett bedeutet. “Tori-Katsu”, das Vogelkotelett, ist wohl gesünder und es spricht mehr Bevölkerungsgruppen an.
In einer sehr arabisch und türkisch geprägten Ecke von Berlin-Schöneberg fällt ein Halal-Zertifikat eher nicht auf. Es sei denn, es klebt im Fenster eines japanischen Schnitzelladens. Damit ist der Vogel potentiell auch koscher, d.h. er könnte es sein, wenn ein entsprechendes Zertifikat von einem Rabbinat vorläge.
Das Hühnerschnitzel, das so heißt wie der Restaurant-Imbiss, der es anbietet, ist wohlschmeckend. Es ist paniert, kommt wahlweise mit Soja- oder Bratensoße und im Regelfall auf Reis. Wer noch den optionalen Krautsalat dazubestellt, wird mit dem Geschmack des Gesamtpakets zufriedener sein. Wer will, kann auch noch eine Mini-Eiersuppe im Pappbecher ordern.

Diverse Klientel
Es gibt einen weiteren Aspekt, der das Vogelschnitzel im “Tori-Katsu” attraktiv macht, nämlich der Preis. Für gut zehn Euro wird ein Erwachsener satt und hat auch noch Sprudel oder Cola Zero getrunken. Das gibt es nicht einmal mehr im Kebab-Laden um die Ecke. Auch die Tatsache, dass wir es hier mit einem Kult-Imbiss zu tun haben, macht einen Besuch interessant.
Wer kein Vogelkotelett mag oder mögen will, kann dennoch kommen, denn es gibt eine vegane Alternative. Außerdem bietet das ausnahmslos japanische Team Frühlingsrollen an, die eher Frühlingsmatratzen heißen sollten – wegen ihrer Form und schieren Größe. Ein Hell’s Angel, der zwei Meter groß ist und 150 Kilo wiegt, wäre nach zwei Frühlingsmatratzen satt. Und wenn nicht, kann er sich noch mal eben einen Vogel bestellen ohne arm zu werden.
Die Klientel bei “Tori-Katsu” ist divers. Berliner aus der Nachbarschaft sind hier. Auch kommen Fans aus dem gesamten Stadtgebiet. Mittags fahren oft teure Limousinen in Schwarz mit Sternen auf den langen Hauben vor. Araber verlassen diese Fahrzeuge und gehen in den Imbiss. Zehn Minuten später kommen sie mit mehreren mit Vogelschnitzeln gefüllten, weißen Plastiktüten wieder heraus.

Geschlachtet und geschnitten
Es gibt noch eine Bevölkerungsgruppe, die das Vogelkotelett konsumiert: überraschte Zufallspassanten. “Wie? Der Laden ist japanisch? Wo ist das Sushi? Ha ha ha.” Die California Roll gibt es andernorts. Das Wort “Sushi” steht hier nirgends, wohl aber die Vokabel “Weltfrieden”. Das Team versichert auf einem weiteren Dokument im Schaufenster, diese Art von Frieden zu unterstützen.
Auch wird auf dem Blatt darauf hingewiesen, dass der Origami-Schwan das Symbol für den Weltfrieden sei. Gut, dass es nicht der andere Vogel ist, denn dieser wird geschlachtet, geschnitten, in kochendem Fett geschmort und verzehrt. Den nächsten Schritt sparen wir uns hier. Klar ist: Weder der Origami-Schwan noch sonst irgendwer will mit dem Huhn tauschen.
Der Restaurant-Imbiss hat fünf Tische im sehr japanisch anmutenden Nebenraum. Viele Kunden essen ihren Vogel an der Bar, an den beiden Bistrotischen, die irgendwie in den kleinen Hauptraum gequetscht wurden, oder in der warmen Jahreszeit an einem der vier Tische auf der Straße. Es ist empfehlenswert, zuerst einen Tisch zu ergattern, was je nach Uhrzeit mit Wartezeit verbunden sein kann, und dann an der Theke den Vogel zu bestellen.

Gewinnbringende Philosophie
“Tori-Katsu” hieß zu Beginn “Kaiza”. Vor 58 Jahren, im Jahr 1968, kam der junge Kaiza Murata aus Tokyo auf eine Geschäftsidee. Er wollte den weltweit ersten japanischen Vogelkotelett-Imbiss eröffnen – und dies in West-Berlin. Damals war Kurt Georg Kiesinger (CDU) Bundeskanzler und Klaus Schütz (SPD) Regierender Bürgermeister. Ob sie das Vogelschnitzel jemals probiert haben, ist nicht überliefert.
Murata verkaufte “Kaiza” Jahrzehnte später an Mitarbeiter, die das Etablissement in “Tori-Katsu” umbenannten. Er ist heute über 80 Jahre alt, arbeitet aber ab und zu mit. Was er in Berlin schuf, ist eine Institution, die bekannter sein müsste, als sie ist.
Hinter dem Erfolg von “Kaiza” oder “Tori-Katsu” steht eine gewinnbringende Philosophie, aus der die Betreiber kein Geheimnis machen. Sie steht auf einem weiteren Zettel im Restaurant: “Lecker, freundlicher Preis, ‘garantili herkes’ (‘garantiert für Jeden’ auf Türkisch), süper frisch zubereitet (ja, mit “ü”), von Weltreligionen bevorzugt, sauber und hygienisch, nett und hoflich (ohne ‘ö’).”
“Tori-Katsu”, Winterfeldtstraße 7, 10781 Berlin-Schöneberg, unweit der U-Bahn-Station Bülowstraße. Öffnungszeiten: Werktäglich von 11:00 bis 23:00 Uhr, an Wochenenden von 12:00 bis 23:00 Uhr


