Pisa, Lucca und Florenz: Vom Trampelpfad zum Strand

Schwitzend entdecken wir viel Schönheit und Geschichte. Die sich aufdrängende Frage: Wo ist David?

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Die Carabinieri bewachen die Schieflage. Foto: Imanuel Marcus

Wer sich einen guten, günstigen Ferienstandort wie Pisa aussucht, ist im Vorteil. Von hier aus fahren Züge ins mittelalterliche Lucca, zum Badeort Viareggio, nach La Specia und ins von Touristenhorden besetzte Florenz. In keinem Fall dauert die Reise viel länger als eine Stunde. Unterwegs unterhalten wir uns jeweils mit den vielen US-Amerikanern, die überall herumschwirren und ihren Traum einer ersten Europareise endlich wahrmachen.

Pisa selbst ist der erste Ort, den wir bei 38 Grad erkunden. Ich will ergründen, ob es wirklich der Turm ist, der sich neigt, oder ob er nur so aussieht, da sich die Stadt selbst in einer Schieflage befindet. Vor Ort ist es für wissenschaftliche Recherchen aber schlicht zu heiß. Deshalb verändere ich den Fokus leicht. Der nächste Strand steht mit sofortiger Wirkung im Mittelpunkt.

Die Ankunft am Galileo-Galilei-Flughafen hätte erfreulich sein können, wenn hier echte Abkühlung geboten worden wäre. In Berlin werden an diesem Tag 40 Grad gemessen. Die 37 Grad hier fühlen sich aber nicht wirklich anders an. Der “PisaMover”, eine Art Zahnradbahn im Transrapid-Look, bringt uns innerhalb von Minuten zum Hauptbahnhof von Pisa, der von der Größe her wie eine durchschnittliche Berliner S-Bahn-Station wirkt.

Verhungert sind wir in der Toskana nicht. Foto: Imanuel Marcus

Diesel-saugende Busse

Von hier geht es per Bus weiter. Niemand in Pisa scheint die erforderliche Geduld zu haben, relativ intelligenten Deutschen das Ticketing-System des öffentlichen Nahverkehrs zu erklären. Als neben uns (noch) ältere deutsche Damen als Schwarzfahrerinnen ertappt werden, da auch sie Schwierigkeiten hatten, zu verstehen, was genau sie mit welchen Tickets machen mussten, nutzen wir die Gelegenheit, uns das System von Experten näherbringen zu lassen, nämlich Kontrolleuren.

Am nächsten Tag laufen wir durch die recht ansehnliche Stadt mit 90.000 Einwohnern. Auf dem Arno-Fluss passiert merkwürdigerweise gar nichts: keine Boote, keine Schwimmer, keine Angler. Na ja, wer das Ligurische Meer vor der Nase hat, wird seine Zeit eben nicht mit Flussfischen verschwenden.

Pisa hat keine U- oder Straßenbahnen, dafür aber viele Diesel-saugende Busse mit hervorragend arbeitenden Klimaanlagen. Zumindest einige Bewohner scheinen von all den Touristen die Nase voll zu haben, andere sind freundlich.

In Lucca sprechen die Wände. Foto: Imanuel Marcus

Beschaffenheit des Bodens

Am ersten vollen Urlaubstag laufen wir um die Stadtmauern herum, durch nette Fußgängerzonen mit Cafés und Touristen-kompatiblen Geschäften, bis wir schließlich vor dem Schiefen Turm von Pisa stehen. Allerdings sind wir nicht allein.

Hunderte Touristen und afrikanische Souvenirverkäufer rennen uns fast um. Die einzigen Einheimischen sind Pferdekutscher, deren Blick folgendes aussagt: “Zwar gehen wir die Touristen tierisch auf die Nerven, aber irgendwie muss ich meine Rechnungen bezahlen.” Ihre beiden Pferde wirken auch nicht gerade glücklich. Bei den Urlaubern verhält es sich gegenteilig.

Das Problem mit dem Turm wurde vor 850 Jahren verursacht, als die Konstrukteure vergaßen, vor Baubeginn die Beschaffenheit des Bodens zu untersuchen. Die Konsequenz: Als die Bauarbeiter nach der Grundsteinlegung im Jahr 1173 beim dritten Stock angelangt waren, begann sich der Turm zu neigen. Eine Pause von 100 Jahren wurde eingelegt, später eine weitere, kürzere Unterbrechung. Dadurch wurde der Turm jedoch auch nicht gerader. Genau 199 Jahre nach Baubeginn war der Schiefe Turm von Pisa fertig.

Eine Ecke zwischen den unzähligen Gassen Luccas. Foto: Imanuel Marcus

Gescheiterte Bemühungen

Bemühungen, die Schieflage nachträglich zu beheben, scheiterten. Immerhin konnte Galileo Galilei, der Gelehrte, nach dem der Flughafen benannt wurde, den Turm für die Formulierung der Fallgesetze nutzen. Das Bauwerk mag freistehend sein, aber es ist Teil der Kathedrale von Pisa, deren anderer Teil ebenfalls ansehnlich ist. Beides zusammen steht an der überfüllten Piazza dei Miracoli.

Andere Sehenswürdigkeiten anzusehen, wie etwa die Mura di Pisa, den Palazzo della Carovana, die Santa Maria della Spina oder die Lungarni di Pisa, ist bei dieser Affenhitze kaum möglich. Viele der anderen Touristen sind inzwischen in klimatisierten Cafés oder Hotelzimmern verschwunden. Wir schaffen es gerade noch zur Synagoge, die verwaist aussieht. Ein vergilbtes Schild hängt am Haupteingang. Im Gemeindebüro meldet sich niemand.

Es gibt eine weitere Aktivität, der man hier gern nachgeht: Wir nehmen den Bus Nummer 10 zur Marina di Pisa. Die 30-minütige Fahrt ist etwas nervig, denn eine Gruppe Teenager ist an Bord. Sie vapen und spielen dann plötzlich unglaublich lauten und ebenso schrecklichen Italo-Rap. Der Busfahrer hat genug. Er parkt das Fahrzeug, drängelt sich durch all die Passagiere hindurch und steht schließlich zwischen den Übeltätern. Für die Rede, die nun folgt, nutzt er alle jemals erfundenen italienischen Schimpfwörter und droht, die Teenies aus dem Bus zu werfen, wenn sie ihren portablen Party-Lautsprecher nicht ausgeschaltet lassen. Die Vorstellung wirkt.

Der Strand an der Marina di Pisa. Foto: Imanuel Marcus

Warm wie Hühnersuppe

Der Strand an der Marina besteht aus Millionen weißen Steinen. Ohne Schuhe ins Meer zu watscheln, tut weh. Daher latscht der Autor dieser Zeilen mit seinen Turnschuhen hinein, in dem Wissen, dass er sie später wird wegwerfen müssen. Am Ufer ist das Wasser warm wie Hühnersuppe, erfrischt wegen der brutalen Lufttemperatur aber dennoch. Den Erfrischungseffekt liefert auch das exzellente Limoneneis vom “Orso Bianco”, dem “Weißen Bären”.

Nach einem Tagessausflug nach Livorno sind wir am übernächsten Tag in Lucca, dieser mittelalterlichen Perle der Toskana. Giuseppe Garibaldi hat den besten Platz. Vom Podest seines Denkmals aus kann der frühere General all die US-Amerikaner sehen, die hier in großen Gruppen vorbeikommen. Sie starren ungläubig auf diese Überdosis Schönheit, die Lucca bietet. Ja, 250 Jahre Geschichte, die sie in ihrem eigenen Land feiern, sind beeindruckend. Aber was ist mit 2244 Jahren? Vor so viel Zeit wurde Lucca vom Historiker Livius erwähnt.

Lucca ist in etwa so groß wie Pisa, aber weitaus schöner als die Nachbarstadt. Im 13. und 14. Jahrhundert war Lucca eine der einflussreichsten Städte in Europa. Die Altstadt innerhalb der von 1504 bis 1621 gebauten Stadtmauern ist gut gepflegt, sauber und schön. Der konstante Touristen-Tsunami macht diesen Ort zweifellos zu einer reichen Stadt.

Wer die Piazza dell’Anfiteatro erreicht, steht im Mittelpunkt einer der schönsten Städte Europas. Foto: Imanuel Marcus

San Frediano und San Francesco

Wie war wohl die Atmosphäre vor 500 Jahren? Dies fragen sich mit Sicherheit viele der Besucher Luccas. Auf der Piazza dell’Anfiteatro, einem runden Platz mit unzähligen Restaurants in mittelalterlichen Häusern, der als Amphitheater verkauft wird, da er dies vor Hunderten Jahren war, ist das nächste Level der Faszination erreicht. Nein, dieser Ort ist in der Regel kein Filmset, wirkt aber so.

Lucca bietet eine Million relevante Punkte. Es ist schwierig, all diese Kirchen zu identifizieren. Welche ist Michele in Foro? Das große Gotteshaus mit der tollen Fassade. Und die Kathedrale San Martino? Es handelt sich um die Kirche mit dem extra-hohen Turm. Außerdem sind da noch San Frediano, San Francesco, Sant’Alessandro, San Salvatore und Santi Giovanni e Reparata. Weiß ich, welche welche ist? Nö.

An der nächsten Ecke erscheint der nächste große Platz. Hier zeigt sich: Lucca ist nicht nur wunderschön, sondern hat auch Geschmack. Das Lucca Summer Festival läuft bereits. Wer kommt? Stars wie Katy Perry, Tom Jones und der Rolling Stone Ronnie Wood. Heute, am 4. Juli, tritt die britische Jazz-Funk-Combo Jamiroquai auf. Bald kommen der Bassisten-Held Marcus Miller, die Soul-Sensation John Legend und das italienische Blues-Unikum Zucchero.

Die Kathedrale Santa Maria del Fiore ist nur einer von Hunderten Touristen-Magneten in Florenz. Foto: Imanuel Marcus

Allein im Badeort

Schwitzend erreichen wir den nächsten Zug. Viareggio heißt das Ziel. Da es sich um einen Badeort mit einem ebenso langen wie recht breiten Sandstrand handelt, erwarten wir den nächsten Trampelpfad. Was sich aber herausstellt: Wir sind fast allein. Für wen wurden all diese Eisdielen und Cafés gebaut?

Wir teilen uns den enormen Strand mit ein paar Teenagern. Da der arrogante, blonde Bademeister niemand anderen nerven kann, verjagt er die ballspielenden Jugendlichen, obwohl sie niemanden stören. Dieser Strand mit unzähligen Liegen und Sonnenschirmen könnte Tausende Touristen glücklich machen. Und wie viele sind hier? Sieben.

Pisa, Lucca und Viareggio formen ein Dreieck auf der Landkarte. Wir beschließen, daraus auszubrechen. Unsere nächste Mission? Florenz. Hier wird man von Touristen zertrampelt, wenn man nicht aufpasst. Nur ein paar Stunden hier zu sein, ist eigentlich unzureichend, wovon wir uns nicht stören lassen.

Wir waren auf der Suche nach David. Dies ist er nicht. Foto: Imanuel Marcus

Schokolade und Bananen-Kefir

Ganze Armeen an Besuchern werden durch dieses Labyrinth aus Kathedralen, Museen und Statuen geführt. Wer sich zu sehr auf ein Objekt konzentriert, verliert seine Herde und wird von den nächsten 500 Amerikanern, Koreanern, Mexikanern oder sonstigen Zeitgenossen mitgerissen.

Alle Touristen, die wir sehen, wirken motiviert. Das müssen sie auch sein, denn bei 38 Grad würden sie sonst zeitnah aufgeben und sich unter die nächstbeste Klimaanlage setzen. Weniger motivierend sind die Preise. Vier kleine Stücke Kinderschokolade und ein Bananen-Kefir, die in Pisa zusammen zwei Euro gekostet hätten, sind hier für 7,50 zu haben, eine Packung Pflaster im Wert von einem Euro schlägt mit 6,50 zu Buche. Da aber Florenz so beeindruckend ist, wären wir auch gekommen, wenn die lächerliche Pflasterpackung 50 Euro gekostet hätte.

Der erste relevante Fleck, den wir erreichen, ist der Platz vor der Kathedrale Santa Maria del Fiore. Was für ein Gebäude! Wir sind auch hier umringt von Hunderten Zeitgenossen, die die Sache ganz genauso sehen. Aber wo ist David?

Die Große Synagoge von Florenz beeindruckt. Foto: Imanuel Marcus

Aufblasbares Planschbecken

In diesem Moment denken wir an eine andere Mission: Auch in Florenz folgen wir unseren Wurzeln, indem wir die 1870 erbaute Große Synagoge von Florenz ansteuern. So kommen wir für eine Weile vom Trampelpfad weg. Schwitzend stehen wir vor der zur Gemeinde gehörenden Chabad-Schule. Hier treffen wir einen netten, jungen Juden aus Boston, der davor wartet und sagt, er kommuniziere während seiner Reisen gern mit anderen Juden. Dies haben wir gemeinsam.

Die Synagoge, die wir anschließend betreten, ist eine der schönsten in Europa. Aufgrund ihrer Größe könnte man denken, die jüdische Gemeinschaft in Florenz sei gigantisch. In Wirklichkeit leben hier jedoch nur 700 bis 1000 Juden. Auf dem Weg hinaus winken uns zwei Rebbezins, die hinter dem Gotteshaus fünf Kleinkinder in einem aufblasbaren Planschbecken baden.

Und schon sind wir wieder Teil des Besucher-Tsunamis, der durch die Gassen rollt. Kälter ist es seit unserer Ankunft nicht geworden. Aber da steht David! Vor dem Palazzo Vecchio. Live und in Farbe. Wahrhaftig. Allerdings ist es nur eine Kopie. Das 1504 von Michelangelo erstellte Original kann in der Galleria dell’Accademia in all seinen kleinen Details bewundert werden. Die Kopie ist an dem Ort, an dem das Original bis 1873 stand, bevor es zu seinem eigenen Schutz in die Galleria geschleppt wurde.

Die Ponte Vecchio erinnert an die Rialto-Brücke. Foto: Imanuel Marcus

Tomaten-Focaccia mit Knoblauch

Noch haben wir einen Rest Energie übrig. Daher laufen wir zum Arno, dem stattlichen Fluss, der auch durch Pisa fließt. Auch in Florenz fällt uns auf, dass sich keine Boote darauf fortbewegen. Schwimmer und Angler sind ebensowenig vorhanden, dafür aber die Ponte Vecchio. Spätestens jetzt sind wir der Schönheit der Stadt verfallen.

Das Konzept dieses Bauwerkes ist mit dem der Rialto-Brücke in Venedig vergleichbar, die wir vor knapp zwei Jahren bewundern konnten. Geschäfte, zumeist Juweliere, sind auf der Brücke untergebracht.

Der letzte Programmpunkt besteht aus einer Tomaten-Focaccia mit Knoblauch, Prosciutto auf Honigmelone und Pasta mit einem Rinder-Ragout. Jetzt merken wir, wie müde wir sind. Wird es einen zweiten Besuch geben? Definitiv.

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