Currywurst mit scharfer Sauce, scharfer Senf, Meerrettich: Die deutsche Küche kennt nur mäßige Schärfe. Die meisten Berliner würden sich nicht einmal trauen, ihren Döner mit scharfen Gewürzen zu bestellen. Und die irische Küche? Stew, Bacon and Cabbage, Boxty, Coddle, Colcannon – alles herzhaft, alles mild. Scharf ist da gar nichts.
Wie kommt es also, dass ausgerechnet ein Ire, der in Berlin lebt, Saucen herstellt, die Schweißausbrüche verursachen? Am Anfang stand eine Idee, gefolgt von jeder Menge Experimentieren. Jonathan O’Reilly lebt seit 22 Jahren in Berlin. Vor 14 Jahren gründete er sein Unternehmen: Crazy Bastard Sauce.
Viele Schärfegrade
O’Reilly und sein Team sind hyperaktiv: Die Soßen-Macher sind auf der Grünen Woche zu sehen, auf Weihnachts- und Flohmärkten. Nach und nach kamen sie mit wichtigen Kontakten und zahlreichen neuen Bestellungen zurück.
O’Reillys Saucen sind in verschiedene Schärfegrade eingeteilt. Die Stufe 1 heißt “Jalapeño & Date”. “Das ist die mildeste”, sagt O’Reilly bei einem Besuch, der bereits vor geraumer Zeit stattfand. “Die ist für jeden geeignet. Für manche ist selbst die schon hart genug.”
Stufe 2, “Scotch Bonnet & Caribbean Spices”, bringt karibisches Flair mit. Danach folgt “Chipotle & Pineapple” auf Stufe 3 – ein Name, der nach Genuss klingt, aber für ordentlich Schweiß sorgt. Ein Getränk in Reichweite ist bei dieser Schärfe definitiv empfehlenswert.
Die allererste Sauce, die O’Reilly überhaupt herstellte und verkaufte, war “Habanero & Tomatillo” – Stufe 4. “Das ist die Ur-Sauce”, erklärte er damals. “Und sie hat schon fünf internationale Preise gewonnen.” Dazu gehören die Hot Pepper Awards, die World Hot Sauce Awards sowie der Great Taste Award.
Hitze und Geschmack
Natürlich isst O’Reilly diese Sauce auch selbst gerne: “Es ist eine sehr ausgewogene Sauce. Die Habanero-Schote sorgt für eine schöne Schärfe”, erklärt er über die karibische Chilisorte. “Und die Tomatillo bringt eine süße Zitrusnote mit rein.”
Auf derselben Stufe 4 gibt es außerdem “Ghost Pepper & Mango” – eine Sauce, die vermutlich Tote aufwecken könnte. Doch es geht noch weiter: “Trinidad Scorpion & Clementine” markiert Stufe 5.
Diese Sauce sollte man wohl nur mit einem Feuerlöscher in Reichweite probieren. Laut Produktbeschreibung beginnt “Trinidad Scorpion & Clementine” mit einer süßen Zitrusnote, die sich dann “allmählich zu intensiver Hitze und Geschmack” entfaltet.
Eine der brutalsten Saucen im Sortiment ist “Carolina Reaper & Blueberry”. Jonathan O’Reilly gibt unumwunden zu: Diese Sauce sei “sehr, sehr scharf”. Und er meint es ernst: “Sie enthält die schärfste Chili der Welt. Für viele Menschen ist das zu scharf.” Immerhin, so O’Reilly, überlebt man den Konsum dieses Produktes meistens.
Vom Teufel persönlich?
Es geht sogar noch schärfer: Mit der “Superhot Series” trennt sich endgültig die Spreu vom Weizen. Sie beginnt mit “Superhot Fatal II”, gefolgt von “Superhot Naga”. Diese Sauce ist laut Beschreibung “sofort und kraftvoll intensiv”. Die Schärfe breitet sich “von der Zungenspitze auf den ganzen Mund aus”. Vorsicht sei geboten, heißt es dort ausdrücklich.
Die Spitze des Sortiments bildet “Super Reaper”. Laut Crazy Bastard Sauce vereint sie “alle Aromen auf einmal: Senf, Knoblauch, Kreuzkümmel, Chili, Pfeffer und Schmerz”. Zur Schärfe heißt es schlicht: “Viel zu scharf. Lass es bleiben!” Wenn selbst der Hersteller so etwas schreibt, kann es sich nur um das Werk des Teufels handeln.
In Mexiko, wo selbst Kleinkinder scharf essen, sagt man, echte Schärfe brenne zweimal – einmal beim Essen, einmal am Ende des Verdauungsvorgangs. “Wir versuchen sicherzustellen, dass unsere Saucen nur einmal brennen”, sagt O’Reilly. “Und das erreicht man, indem man sie mindestens eine Stunde lang kocht.”
Crazy Bastard Sauce betrieb lange einen Laden samt Restaurant in der Neuköllner Weserstraße. Dort gab es alle genannten Saucen, außerdem britische Süßigkeiten, die man in Deutschland sonst kaum findet, sowie Getränke aus England und Irland. Inzwischen liegt die Zentrale in einem Industriegebiet. Bestellt werden können die teuflischen Saucen online.
Der richtige Ort
“Berlin ist einfach der richtige Ort, um eine Firma zu gründen”, findet O’Reilly. “Aber sobald man das Unternehmen ein paar Jahre lang führt, wird es komplizierter.” Früher seien die Mieten vergleichsweise günstig gewesen, sagt er – das habe ihm die Freiheit gegeben, sich weniger sorgen zu müssen und stattdessen “viel Zeit und Energie in die Firma zu stecken”.
Und dann ist da noch die persönliche Verbundenheit: “Ich liebe Berlin. Es ist inzwischen irgendwie meine Heimat”, sagt er. “Wenn ich nach Irland zurückfahre, fühle ich mich fast ein bisschen fehl am Platz.” Jonathan O’Reilly ist offensichtlich längst Berliner geworden. “Was ich an Berlin mag, ist, dass es sich ständig verändert, sich weiterentwickelt. Und es ist schön, ein Teil davon zu sein.”


