Deutsche Musik kann furchtbar ausfallen. “In Stern, der deinen Namen trägt” ist noch Gold gegen den Mist, der sonst so im Schlagerland der Silbereisens gesungen wird. Grauenhaft sind nicht nur die Texte (falls es sich nicht um Realsatire handelt), sondern auch die Arrangements, der gesamte Ansatz und das dämliche Grinsen der „Künstler”, die sie vortragen. Offensichtlich gibt es auch fast ebenso furchtbare deutsche Popmusik auf Englisch.
Aber wir kennen deutsche Komponisten, Arrangeure, Instrumentalisten und Sänger, die tatsächlich Qualität abgelieferten und es teilweise weiterhin tun. Ludwig van Beethoven ist ein gutes Beispiel, stellvertretend für weitere Klassik-Komponisten. Peter Herbolzheimer war der brillante Bigband-Professor dieser Republik, Klaus Doldinger eine legendäre Saxophonisten-Ikone, die uns “Tatort” und die Jazz-Rock-Band Passport schenkte. Außerdem gibt es weltweit bekannte Acts wie die Scorpions, Tokio Hotel, Nena und einige andere, deren Leistung nicht zwingend in der Qualität ihrer Klänge liegt, wohl aber darin, riesige Fangemeinden gewonnen und bedient zu haben.
Ein weiterer Name muss hier genannt werden: Vor zehn Jahren, im März 2016, starb Roger Cicero an einem Schlaganfall. Er wurde 45 Jahre alt. Dieser Ausnahmesänger mit Show-Persönlichkeit tat etwas, das seit Jahrzehnten niemand getan hatte: Er verband deutsche Texte mit Swing- und Bigband-Arrangements. Sein Album „Männersachen” enthielt Songs, die sich mit dem Kampf der Geschlechter beschäftigten. Über-Emanzen hassten sie, aber das Publikum war ebenso riesig wie hin und weg.
Aus diesem Album durfte Cicero 2007 beim Eurovision Song Contest (ESC) „Frauen regier’n die Welt” singen. Er belegte Platz 19 von 24. Eine Erklärung dafür: Beim ESC geht es nicht wirklich um Qualität. Wäre dies der Fall, wären 90 Prozent der Teilnehmer schon vor der Qualifizierung hinausgeworfen worden, während Cicero die 2007er Ausgabe gewonnen hätte.
Roger Cicero setzte seine Swing-Idee konsequent um. Das Ergebnis hätte nicht überzeugender ausfallen können. Er sang gute Texte im Bigband-Setting – und dies in Shows, die diese Bezeichnung verdienten. Auf gewisse Weise holte er die 1950er Jahre zurück, schaffte es aber, sie zeitgemäß klingen zu lassen.
Einmal traf ich ihn, bei einem Gig, den ich vor rund 23 Jahren in Berlin für eine deutsche Jazz-Funk-Band gebucht hatte, die vom Pianisten und Komponisten Nils Gessinger geleitet wurde. An jenem Abend machte Cicero einen großartigen Job bei Songs, die nicht seine eigenen waren. Er hatte sie vermutlich am Vorabend des Konzerts einstudiert. Backstage erwies er sich als freundlicher und witziger Typ. Er wirkte hinter der Bühne auch etwas schüchtern, aber ich kannte ihn nicht gut genug, um diese Einschätzung ohne Publikumsjoker einzuloggen.
Nach „Männersachen” nahm er eine Reihe von fünf Alben auf. Dann, am 24. März 2016, erlitt er einen massiven Schlaganfall, an dem er starb. Sein Vater Eugen Cicero war im Alter von 57 Jahren, 1997, an derselben Art Schlaganfall ebenso viel zu früh gestorben. Wenige Monate vor seinem Tod hatte Roger Cicero in einem Interview von Angst vor einem frühen Tod gesprochen.
Roger Cicero, eine wahre Pop- und Vocal-Jazz-Legende, wurde am 6. Juli 1970 in West-Berlin geboren. Er wuchs im malerischen Grunewald auf. Sein Vater Eugen war ein rumänischer Pianist, der ebenfalls seine Nische fand. In seinem Fall ging es um jazzige Interpretationen klassischer Musik.
Roger hatte eine Halbschwester namens Babette, die 1977 im Alter von 14 Jahren an einer Heroin-Überdosis starb. Dieser Drogentod wurde in „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” behandelt und schockierte West-Deutschland. Babsi, wie ihre Freunde sie nannten, war damals das jüngste Heroinopfer.
Im Alter von 11 Jahren war Roger Cicero das Vorprogramm der Schweizer Chanson-Sängerin Helen Vita. Er war noch ein Kind, als er im Fernsehen mit einer Bigband auftrat. Mit 18 erhielt er eine fundierte musikalische Ausbildung, unter anderem in Gesang, Klavier und Gitarre, am Hohner-Konservatorium. Währenddessen sang er mit dem Trio seines Vaters und dem Bundesjugendjazzorchester unter der Leitung von niemand geringerem als Peter Herbolzheimer, den ich ebenfalls kannte.
Cicero studierte anschließend in Hilversum (Niederlande) und sang für die deutschen Soul- und Funk-Acts Soulounge und Jazzkantine sowie mit einer weiteren Bigband. 2006 explodierte seine Popularität mit „Männersachen”. Neben „Frauen regier’n die Welt” enthält das Album eine ganze Reihe überzeugender Songs. Track sechs ist wahrlich schön. Mit „Wenn sie dich fragt” wählte er einen niedlichen Bossa-Nova-Ansatz.
Auf diesem Album sang Cicero darüber, was für ein Idiot er gewesen sei, sie gehen zu lassen, sowie über Murphys Gesetz. Er widmete Berlin einen Song. Als Vorlage diente offenbar „New York, New York”. Das nächste Album, „Beziehungsweise”, enthält weitere jazzige Songs. Hier sind die Texte zum Teil noch emotionaler.
In den letzten Jahren seines kurzen Lebens interpretierte Cicero auch Klassiker wie Van Morrisons „Moondance” und Paul Simons „50 Ways to Leave Your Lover”. Ein Jahr vor seinem Tod nahm er ein Live-Album mit dem Titel „Cicero Sings Sinatra” auf. Ja, alles ist dabei, einschließlich „Under My Skin” und „My Way”. Als ich dieses Album gerade zum ersten Mal hörte, kam ich zu folgendem Schluss: Er war nicht wirklich der deutsche Sinatra, auch wenn man ihn so nannte. Er war er selbst – und niemand anders. Ein Unikum, das hätte leben sollen.
Du warst Roger Cicero. In Deinem Sohn, in den Erinnerungen Deiner Familie, Freunde und Fans, sowie in Deiner Musik lebst Du weiter.


